„Immer dieser eklige Sex“. Zur Lektüre der Rezensionen von Jan Bonnys ‚Wintermärchen‘

Nach einem gestrigen Kinobesuch und der darauffolgenden Lektüre der Feuilletonrezensionen ins Grübeln gekommen — besser gesagt, durch das gemeinsame Grübeln und Diskutieren nach dem Film mit meiner Kinobegleitung Silvia Bahl und Sebastian Köthe, ohne die dieser Text nicht entstanden wäre.
Gesehen haben wir Wintermärchen von Jan Bonny. Der Film, hochrelevant und im besten Sinne schwer auszuhalten, erzählt die Geschichte eines rassistisch motivierten, terroristischen Dreieckgespanns – man ist gleich an den NSU erinnert. Das Besondere und Umstrittene des Filmes: er konzentriert sich vordergründig auf zwei Kräfte: Hass/Gewalt/Mord und Sex. Ich möchte nun gar nicht weiter über den Film schreiben, sondern wie über den Film und diesen anscheinend schwer auszuhaltenden Konnex geschrieben wurde.

[spoiler alert]

Die Feuilletonrezensionen geben den Eindruck, als wäre die Betonung eigener Empörung und Abscheu notwendige Konsequenz, die man als Zuschau•erin ziehen müsste, wenn Sex und terroristische Gewalt zusammen präsentiert werden. Und das, obwohl die Inszenierung des Sexes in ‚Wintermärchen‘, wenn man genau hinschaut, anders funktioniert, als das gefühllose Hardcore-Rammeln in anderen Neonazi-Filmen. Im Gegensatz dazu sehen die expliziten Szenen bei Jan Bonny überraschend ‚normal‘ aus. Normal = keine stählernen Körper, die Fummeleien wirken clumsy („aua!“), es gibt Unsicherheiten, Eifersucht, Neid, es wirkt gelangweilt, dann, um es aufzupeppen, werden erotische Phantasien mit dem Partner geteilt, als hätte man den Tipp aus der Glamour.

Während einer solchen Wunschrunde verrät er seiner Partnerin, dass er es geil fände mal zusehen zu können, wie sie es mit einem anderen Mann treibt. Tada! – wie ein Flaschengeist taucht plötzlich der Dritte im Bunde auf, um seinem Kumpel vor seiner Nase die Freundin zum Vögeln auszuspannen. So geht es Hin und Her, sie mit ihm, sie mit dem anderen, er mit ihm, am Ende alle drei zusammen – und gerade auf diese letzte ‚vereinende‘ Szene à la Tom Tykwer muss man noch genauer zu sprechen kommen, denn anscheinend hat kein•e Rezensen•tin sie sich richtig angeschaut.

Was wir in den expliziten Szenen sehen: Cunnilingus, Reiterstellung, Missionarsstellung und anale Penetration der Männer. Was wir nicht sehen, aber nach dem Lesen einiger Rezensionen in Etwa erwarten könnten: Ästhetiken und Praktiken des BDSM oder klassische Inszenierungen von Machtgefällen (die Frau performt z. B. kein Deepthroat, es gibt keine Cumshots ins Gesicht und es werden beim Akt auch keine Naziparolen gegröhlt). Wenn die Rezensionen beschreiben, dass die Sexszenen zu heftig seien, dann ist das Übelste eigentlich, wenn die Männer an die Frau ranwollen wenn sie keinen Bock hat und sie muss mehrmals „nein, lass mich!“ rufen – die Grenze wird dann aber auch nicht überschritten, auch wenn die Wiederholung schon oft genug ist. Und, dass während des Sexphantasieteilens die Frau das N-Wort benutzt, wenn sie sagt, mit wem sie gern mal schlafen würde – aber einen anderen Sprachgebrauch würde man auch nicht von ihr erwarten!

Jedenfalls: daneben ziehen sie vor allem los, um sinnlos zu töten und ihre hässlichen Parolen in Kneipen zu verbreiten.

Der finale Dreier erstaunt dann, eben auch trotz allem, dadurch, wie zärtlich und entspannt alle miteinander umgehen. Hier entlädt sich etwas ganz anderes als in den brutalen Gewaltszenen. Nachdem die Frau erst vor dem gleichgeschlechtlichen Sex der Männer geflohen ist, den sie zuvor bei ihnen herausgefordert hat, so stellt dieser am Ende kein Problem mehr dar. Im Gegenteil, sie schaut neugierig dabei zu, wie er ihm einen bläst, dann wird sie eingeladen, mit auf die Matratze zu steigen, vorsichtig fügt sie sich ein. Der eine vögelt sie und ist plötzlich erstaunt. Sie lacht herzlich und fragt, ob er gekommen sei, er muss peinlich berührt zugeben, dass es ihn überraschenderweise überkommen habe, sie lachen, es ist kein Problem, hey, dann vögelt eben der andere weiter und der vorzeitige Samenergüssler lehnt sich entspannt zurück und schaut liebevoll auf das Paar. Am Ende kuscheln alle zusammen und wechseln sich dabei ab, wer in der Mitte liegen darf.

In allen weiteren Szenen sind sie, nicht zu vergessen, unausstehlich.

Und so schreibt dann das Feuilleton:

Von „unmotiviert langen und ständig wiederkehrenden ekligen Sexszenen“ (NZZ). „Unbedingt hässlich“, ,,grenzenlos hässlich“, „Ficken und Migranten hinrichten verschmilzt hier zu einer widerwärtigen Triebabfuhr.“ (Spiegel Online)

„Aber er [Bonny] zeigt die endlosen Sexszenen so ausdauernd, dass sie zur bloßen Pose erstarren, irgendwann ermüden sie nur noch. Wenn die drei sich am Ende permanent in den Laken wälzen, ist der vermeintliche Schockeffekt längst erschlafft. Sex und Gewalt, ja, haben wir verstanden.“ (Zeit Online) Warum werden die Szenen nur auf einen bloßen Schockeffekt reduziert? Hat der•die Autor•in hier jetzt etwas durchschaut, „verstanden“? Dann weiter: „Vor allem die zahlreichen Szenen mit kopulierenden Körpern in wechselnden Paarungen – Becky mit Tommi, Becky mit Maik, Tommi mit Maik und schließlich alle gemeinsam – würde man sich gern ersparen.“ Ganz ehrlich, und nicht mit ironischem Ton der rhetorischen Frage, möchte ich wirklich wissen: Warum würde man sie sich gerne ersparen? Warum ist dieser Sex etwas nicht Auszuhaltendes? Weil Nazis keinen Sex haben dürfen? Weil der Konnex Sex und Gewalt unerträglich ist (warum?)? Weil gewaltsame Nazis keinen zärtlichen Sex per se haben können? Weil Sex das Erzählkino sprengt – sowohl als Spektakel, als auch in seiner Redundanz? Antworten auf diese Fragen würden Spannendes über die ästhetischen Strategien und Entscheidungen des Filmes liefern können; Bedingung dafür ist allerdings, zunächst deskriptiv bei dem zu bleiben, was der Film auch wirklich zeigt und nicht gleich seinen eigenen ersten Automatismen beim Deuten und Werten unhinterfragt Glauben zu schenken.

„Die Erklärung des NSU-Rechtsextremismus aus Hass, Sex, Sadomaso entspricht zwar bestimmten durchaus überzeugenden Theorien des Faschismus. Aber ein deutsches ‚Salo‘ ist der Film nicht mal im Ansatz.“ (SWR2) Wie gesagt, gab es keinen Sadomasosex. Und warum kann man Sex und Faschismus nur in den überbordenden Folterästhetiken Sades akzeptieren?

Die immer wieder behauptete Trias „Sex haben, saufen, morden“ (SZ) oder „Ficken, töten, saufen – eins führt zum anderen“ (tagesspiegel) – Zeit online setzt im Titel noch eins drauf „Vögeln, töten, saufen, streiten“ – behauptet, dass sich alles auf der gleichen Ebene, mit ähnlichen Qualitäten abspiele, wo doch der hier dargestellte Sex so herausfällt, vor allem in der letzten Szene. Das ist ein Plattmachen, das das genaue Hinsehen verweigert.

Man muss die Sexszenen und den ganzen Film ja gar nicht gut finden, die Zusammenstellungen der Zartheit und Trivialität auf der einen Seite und Rechtsextremismus auf der anderen irritieren und man fragt sich, was diese Inszenierung will und soll, aber darüber lässt sich nur nachdenken, wenn man nicht Springerstiefel reinphantasiert (swr.de), die keiner der Protagon•istinnen trägt.

Letztlich liest man aus den Rezensionen vor allem Überforderung, den Wunsch nicht hinsehen zu müssen. Aber warum wirken die Inszenierungen rassistischer Gewalt akzeptabler, als kaum spezifisch nazistische Sexualität?

Ich verstehe letztlich selber noch nicht, was es heißt, dass Neonazis in diesem Film so Sex haben, wie sie Sex haben und morden, wie sie morden. Welche signifikanten Kräfte sich hier entfalten lässt sich jedoch nur herausfinden, wenn man hinschaut und sich den Ambiguitäten stellt.

Bild copyright: W-film / Heimatfilm

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