Die Seile, die die Welt bedeuten. Reflexionen zu den EURIX-Performances 2019

“The art of rope bondage, interpreted by some of the most innovative performers in the international scene! […] Join this unique experience and discover unknown possibilities! With the performance background from dance and circus you will experience a liaison of arts!“

Zum Abschluss der EURIX – einer Bondage/Shibari/Kinbaku gewidmeten Veranstaltung zur Zusammenkunft und zum Austausch von Fesselenthusias•tinnen – fand letzte Woche zum dritten Mal das „‚Rope Artists International‘ Rope Bondage Performance Festival“ statt, welches die performativen Aspekte des Fesselns auf die Bühne bringen möchte. „For this edition we matched rope performers with experts in the field of professional performance and invited them to research on the threshold between art and kink” heißt es in der Selbstbeschreibung, und weiter: “As the focus of EURIX is on creativity and innovation and is joined by the most advanced of riggers and models, the performance program displays not only high level technical skills, but presents also the latest findings of the aest[het]ical and theatrical research around bondage.

Das klingt nach MoMA, Berliner Festspiele, Friedrichstadtpalast, David Blaine oder Cirque du Soleil. Vielleicht klingt es auch ein wenig nach einer Reklame für den neuen Thermomix, denn auf jeden Fall möchte mir hier etwas verkauft werden. Die Anforderungen und damit Erwartungen liegen entsprechend hoch.

Fesselungen auf der Bühne sind per se eine Herausforderung. Davon ausgehend, dass Bondage auch ohne Bühne und Publikum immer schon performativ ist, weil es in formalisierter Weise eine Handlung vollzieht, stellt sich die Frage, welchen Mehrwert die Performance einer Performance erreichen möchte und was sie erreichen kann?* Funktioniert das Dispositiv Bühne + 15€ Eintritt + Lichtshow beim Fesseln, wenn das Spektakuläre für viele gerade in seiner Intimität liegt, in seinen sinnlich-invasiven Möglichkeiten, dem Körper etwas anzutun, bis dieser sich feinstofflich als undichter, auslaufender, durchlässiger Körper erweist: anhand von Schweißtropen, Erzittern, Wangenröte, Tränchen – die sich gezielter Aufführung entziehen? Welche Reflexionsräume ermöglicht demgegenüber der großangelegte Eventcharakter? Und wonach suchen die Besuch•erinnen, wenn sie sich Fesselperformances anschauen? Möchte man erregt werden; über eigene Sexpraktiken ins Nachdenken kommen; Gender-Dynamiken reflektieren; sich Fesselmoves abgucken oder einfach darüber staunen, was ein Körper alles kann?

Nachdem Felix Ruckert – Kurator des ‚Events‘ – die Perform•erinnen ankündigt und darauf hinweist, auf zu viel Smalltalk ab jetzt zu verzichten, wird das Licht gelöscht und die Bühne erhellt sich: klarer Glanzpunkt der ersten Performance ist der groovig vorwärtspirschende Rhythmus des live spielenden Drummers, der klanglich unterstützt, wie in der nächsten halben Stunde eine Frau Gliedmaß für Gliedmaß aus einer Kiste durch Suspensionlines herausmanövriert wird. So ein bisschen den Hasen aus dem Zylinder zaubern, nur ohne Stauneffekt, dafür geschieht die Enthüllung zu langsam. Oder an das Stöbern auf dem Dachboden erinnernd, wenn man aus Schuhkartons alte Püppchen herauszieht – nur ist es dafür wieder zu schnell und zu wenig verträumt nostalgisch. Der eine rote runde Nase und Zylinder tragende Rigger (hier löst sich dann also der Hinweis auf die Clowneriehintergründe ein…) lässt sich bei jedem Schritt mit einem Tusch des Drummers und durch seine Applaus-herausfordernden ausgebreiteten Arme feiern. Warum eigentlich? Wird der groß angekündigte Aufführungscharakter der Fesselshow hier selbstironisch aufs Korn genommen, weil eigentlich nichts Beeindruckendes passiert, aber wie durch Knopfdruck trotzdem Beifall erzeugt werden kann?

Die zweite Performance behandelt das Nostalgische am Fesseln dezidierter. Die beiden Perform•erinnen präsentieren sich nicht als Rigg•erin und Model, sondern als einander ärgernde Kinder, die sich durch ihr gegenseitiges Nerven aber eigentlich Zuwendung zeigen. Es beginnt damit, dass sie ihm frech sein Buch entreißt. Als Strafe schleicht er sich – unterstützt von Westernfilmmusik – mit einer Art Lasso an sie heran, fängt die gespielt Nichtsahnende und zieht sie zum Hängepunkt, um sie dort einzubinden, während sie Verdrossenheit mimt – es geht also nicht um authentische Affekte. Zufrieden mit seinem Strafritual holt er weiteres Quälwerkzeug, doch seinen Abgang nutzt sie zum Ausbüchsen, um sich an ihrem Peiniger zu rächen, ihn mit einem Seil einzufangen und aufzuhängen. Mit dem Wenden des Blattes wenden sich auch die Macht- und Geschlechterverhältnisse: Sie zieht ihr Kleid und seinen Hut aus, um sich den Hut selber aufzusetzen und ihm das Kleid überzustülpen. Das ist ein schöner Moment, weil es immer guttut, wenn die heteronormativen und patriarchalen Genderdynamiken in Bondageszenen mal thematisiert, gebrochen, parodiert, reflektiert werden. Und weil die beiden diesen Moment mit charmantem Humor füllen, vor allem dann, wenn sie seine Hose anzieht und ein Bündel Seil wider Erwarten nicht fürs Fesseln auseinanderfaltet, sondern es sich als Packen in den Schritt stopft und machomäßig präsentiert.

Überhaupt macht es Freude zu sehen, dass Kindlichkeit eine Rolle spielt, insofern man ahnt, dass viele der Anwesenden ihre Begeisterung für das Fesseln irgendwie bereits in jungen Tagen für sich entdeckt haben und Kinderspiele wie Räuber und Gendarm oder Pfadfinderflöckeln viel von dem beinhalten, was Erwachsene dann zu solchen Festivals zieht.

Mit mehr Probezeit und Übung hätten solche Momente wohl pointierter eingebettet werden können, die vom Timing und der Dramaturgie hier teilweise leider untergingen. Das wäre wichtig gewesen, vor allem auch, da das Konzept, wie die Idee des Kindlichen, hier vordergründiger scheint, als bestimmte aufführungswürdige Fesseltechniken.

In diesem Moment des Abends habe ich das Gefühl, dass das alles kein Problem wäre, wenn es nicht die große Ankündigung gegeben hätte, dass es sich bei dem hier Präsentierten um „an emerging art form that infiltrates the stages of the performing arts and fuses dance and theatre with the technical knowledge, virtuosity and the aesthetics of contemporary Shibari“ handeln würde. Das Herzige an der EURIX liegt doch in der Selbstkuration, den im DIY-Verfahren Wissen organisierten Kursen,  dem spontanen Folgen von Interessen die im Raum schwirren, dem Spielwiesencharakter. Es ist eben Liebhaberei und die Performances könnten im ähnlichen Modus arbeiten, denn ein bisschen wirkt das Ganze eher wie eine Schulaufführung der Theater-AG, die die großen Sommerferien einleitet – und genau diesen improvisierten Spirit muss man nicht verstecken, sondern könnte ihn stark machen!

Anders gesagt: hätte das hier Dargebotene während einer Jam irgendwo im Raum für sich stattgefunden, dann wäre das Entdecken eines solchen erfinderischen Spiels großartig gewesen! Und vielleicht würde auch die Bühnenaufführung funktionieren, wenn sie nicht versuchen würde, sich als High-End-Kunst zu vermarkten, sondern eben diese sympathische Eigensinnigkeit der Szene würdigt. Hier ist sich ja etwas anscheinend noch am Erfinden und nicht perfektioniert. Warum das nicht transparent machen und feiern? So gab es einen Bruch zwischen Ankündigung und Präsentiertem.

Die finale Aufführung war dann nochmal ganz anders, auch wenn die patriarchale Genderdynamik hier wiederum so radikal erfüllt und eigentlich hysterisch übertroffen wurde, dass sie – auch wenn wohl so nicht intendiert – sich selber parodiert. Das typische Bild des großen bösen Mannes, der die zierliche, ausgelieferte Frau quält, wird  zur Operette, die trotz der hier am ehesten beeindruckenden Fesseltechniken nicht ernst genommen werden kann, wenn die Bühne in violettes, Halloweenstimmung verbreitendes Licht getaucht und sich an Metal und Actionfilm orientierende Musik eingespielt wird.
Gerade diese eindimensionale Konsequenz hat mich allerdings umso mehr begeistert! Wohl mit einer ähnlichen Faszination, mit der Susan Sontag die ästhetische Kategorie des „Camp“ beschreibt: “Indeed the essence of Camp is its love […] of artifice and exaggeration […] I am strongly drawn to Camp, and almost as strongly offended by it. […] The pure examples of Camp are unintentional; they are dead serious. The Art Nouveau craftsman who makes a lamp with a snake coiled around it is not kidding, nor is he trying to be charming. He is saying, in all earnestness: Voilà! the Orient!  […] In naïve, or pure, Camp, the essential element is seriousness, a seriousness that fails.” -> Es ist so schlecht, dass es wieder gut ist.
Ich muss zugeben, dass ich die letzte Performance eben dieser faszinierend ernsten Art-Nouveau-Schlangenlampen-Ästhetik zuordnen würde.

Während einer vergangenen EURIX wurde eine ähnlich radikale „gemeiner starker Mann – schwache leidende Frau“-Dynamik aufgeführt, die mich vor allem deswegen enttäuschte, weil sie keine Distanz zu sich selber hatte. Die formalen, ästhetischen Entscheidungen – Kostüme, Körpertypen, Schauspiel, Licht, Musik – passten so vorhersehbar perfekt zueinander, dass kein Raum für Überraschungen oder aufregende Irritationen blieb, die mich als Zuschauerin ins Denken kommen lassen würden. Dieses Jahr war dieser Stil allerdings so übertrieben, so in-your-face, so beratungsresistent, dass ich beim Schauen wahnsinnig viel Spaß, ja einen regelrechten Lachflash hatte – weil es auch so ehrlich und direkt war! Da macht jemand so auf alles pfeifend einfach genau das, worauf er Bock hat; was er richtig, richtig geil findet, dass es dann doch wieder so merkwürdig verquer authentisch wirkt… Perfektioniert hätte er es nur, wenn der Rigger gar keine Seile, sondern einfach nur seinen festen Händegriff und seine starken Arme benutzt hätte, um sein Model durch die Gegend zu hieven.
‚Rope Art‘ ohne ‚Rope‘ oder einfach auch ohne den Anspruch auf ‚Art‘ wäre dann am überzeugendsten gewesen.


Line-Up Performances:

FrlLilly & Seilartig & -sunstrider (Berlin/ Zurich)
Alex Mino & Rosalie Lello Li & Stefano Taiuti (Marseille/Berlin)
Boris Mosafir & Human Chuo & Denjamy Djovanny (St. Petersburg/ Paris)


*Performativ ist sie, wenn nicht aus einem Affekt heraus gefesselt wird (gemeint ist also nicht das Verheddern in einem Knäuel), sondern mit dem richtigen Maß und der Dosierung gespielt wird, eine Szene inszeniert und ein Ablauf dramaturgischen Entscheidungen folgt. Dann ist das Fesseln ähnlich wie das Flogging theatral: „Wo die Peitsche erhoben wird, wo die Geißel, das Leder, der Rohrstock auf verhülltes oder entblößtes Fleisch schlagen, stehen wir vor einer Bühne. Es ist eine Bühne, auf der sich eine rituelle Handlung abspielt. Dies ist nicht bloß angesichts des Diebes oder der Ehebrecherin so, die vor der Menge exemplarisch ausgepeitscht werden, nicht bloß im Anblick des erotischen Spektakels, an dem der ausgezehrte Libertin sich ergötzt, sondern ebenso beim Eremiten in der Wüste, der seine Glieder vor dem Auge Gottes wund schlägt. Die Geißelnden und die Gepeitschten befinden sich, wo immer sie auftreten, in einem Raum, der durch dieses am Körper vollzogene Ritual zum Ort eines Schauspiels wird“. (Nikolaus Largier: „Lob der Peitsche“, München, 2001.)


Foto: Hannes Wiedemann

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