Eklektischer Versuch über Un/Sicherheit (work in process)

risk, safety, conflict, consent – was sexpositive Szenen umtreibt hat meist irgendetwas mit diesen Schlüsselbegriffen zu tun. Es ist kompliziert. Unsicherheit ist nicht per se schlecht und Sicherheit nicht per se gut und vice versa. Stark Konsens betonende Räume habe ich aus meiner persönlichen Erfahrung bereits als sowohl empowernd und bereichernd, als auch als einengend, schulmäßig oder gezähmt und dadurch schlicht langweilig oder Sachverhalten, die grundsätzlich ambivalente Grauzonen sind, als nicht gerecht werdend empfunden. Manchmal führten diese Räume zu Frust, wenn gerade die Menschen, denen ich mich wegen ihrer vertrauensvollen Art ganz hingeben konnte, immer dann einen Sicherheits-Rückzieher machten wenn es interessant wurde, um ‚meine‘ Grenzen bloß nicht zu übertreten. Das geht über „Sicherheit ist ein Konstrukt und deswegen sagen wir jetzt nicht mehr ’safe‘ sondern ‚risk-aware'“ hinaus. Vor allem Praktiken des BDSM versuchen ja wertvolle Anteile des Unsicherheitsquells anzuzapfen und nicht einfach nur Risiko als nervige Nebenwirkung zu betrachten. Der Stachel macht erst den Reiz aus. Beziehungsweise: es wird ernst genommen, dass Sex an sich der Sphäre des Unsicheren angehört. So wie Abenteuer. Andererseits ist es aber auch keine kausale Struktur — mehr Unsicherheit macht ein Spiel nicht automatisch reizvoller. Im Haifischbecken schwimmen + Gewitter ist nicht unbedingt = sexy. Und bestimmte Sicherheit schenkende Umgangsformen stehen hier sowieso gar nicht zur Debatte, wie gegenseitiger Respekt, Achtung vor dem Setzen von Grenzen, informierter und verantwortungsvoller Umgang, offene Kommunikation, größtmöglicher Schutz vor nichtintendierten Verletzungen oder Krankheiten etc. Weswegen das Konzept der „Safe Spaces“ auch mit dem der „Brave Spaces“ erweitert wird — nicht mit dem der „Rapy Spaces“. Klar, wenn es um Grundsätzliches geht, ist die Sache so einfach, dass man es mit dem Anbieten einer Tasse Tee vergleichen kann – unhinterfragbar.

Verunsicherung und Irritation zu umarmen basiert nicht zuletzt erst auf der Bedingung meines Einverständnisses, mich verunsichern lassen zu wollen. Eine Lanze für Unsicherheit zu brechen ist an sich freilich nicht der Freifahrtschein, immer pushy sein zu können oder gar zu müssen! Aber sobald sich dazu bereit gefühlt wird, möchte das Folgende Anregungen geben, trotz der Wichtigkeit eines sicheren Rahmens sich auch an die Grenzen zu trauen und etwas zu wagen, wenn es sich für alle Beteiligten richtig anfühlt.

Um mich also ganz zaghaft meiner Vorliebe für Unsicherheit (oder einer ganz bestimmten Form davon — es ist als fehlten Begriffe → eine Freundin schlug ‚Ambiguitätstoleranz‘ oder ‚Kompetenzlosigkeitskompetenz‘ vor) gedanklich zu nähern und anderen mitteilen zu können, was darin an Verheißungsvollem stecken mag, habe ich angefangen Zitate zu sammeln. Weil ich meist mehr lerne, wenn ich mich auch dort umschaue, wo es nicht direkt um das Thema geht, das mich beschäftigt (wo es also nicht nur um Kink oder Sex geht), stammen die Zitate aus unterschiedlichen Quellen und Disziplinen (wie unter anderem der Critical Race Theory oder Black Studies, weil sie für mich zu den derzeit aufregendsten, avandgardistischsten und wohldurchdachtesten kulturwissenschaftlichen Disziplinen gehören – wohlwissend, dass sich die Thesen dann nicht 1:1 auf andere Bereiche übertragen lassen, sondern eine Transferleistung erfordern).

Collagenartig und frei flottierend sei meine Sammlung hier noch ganz thesenlos zur Anregung geteilt (und wird im Laufe der Zeit immer weiter ergänzt). 


„Working with white students on unlearning racism, one of the principles we strive to embody is the value of risk, honoring the fact that we may learn and grow in circumstances where we do not feel safe, that the presence of conflict is not necessarily negative but rather its meaning is determined by how we cope with that conflict. Trusting our ability to cope in situations where racialized conflict arises is far more fruitful than insisting on safety as always be the best or only basis for bonding.“

bell hooks: „Teaching Community: A Pedagogy of Hope“, 2003.


„Heute hingegen ziehen wir den meisten Genüssen den Stachel: Bars ohne Tabakkultur, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Schlagsahne ohne Fett, virtueller Sex ohne Körperkontakt. Dinge, die uns Genuss verschaffen, sind immer mit einem Problem behaftet. Sie sind teuer wie Champagner, fett wie Sahnetorte, giftig wie Zigaretten. Das problematisch Lustvolle bricht die ökonomische Logik des Haushaltens  – die Vernunft, mit unseren Kräften heute so umzugehen, dass wir morgen noch welche haben. Die unvernünftige Verausgabung beschert uns einen Triumph.“

Robert Pfaller: „Wir genießen trotzig“, 2011.


„We believe that if you never ever have a scene go haywire, with unexpected physical or emotional consequences, you may not be taking enough risks. After all, the reason most of us do S/M is to explore territories that we find a little risky and challenging; if you’re sticking so close to the center of the trail that you never get lost in the woods, you may want to reconsider your pathway.”

Dossie Easton, Janet W. Hardy: „The New Topping Book“, 2003.


„Seiltänzer leben gefährlich. Dauernd sind sie vom Absturz bedroht. […] Am gefährlichsten ist für sie der Zustand maximaler Stabilität. Würden sie den erreichen, fielen sie vom Seil wie eine Kartoffel. Seiltänzer müssen ihre Balancierstange in Unruhe halten. Mit fortwährender Bewegung und Gegenbewegung überlisten sie das Fallgesetz. Nur indem sie ihren Schwerpunkt Schritt für Schritt aus sich heraus nach vorn verlagern, also gehen, sichern sie ihre Existenz. Seiltänzer sind zur Bewegung, ja sogar zur eleganten Bewegung, verurteilt. Die Sicherheit des festen Standpunkts ist für sie tabu. Es wäre ihr Ende. Der Absturzgefahr entkommen sie einzig durch Unsicherheit.“

Reinhard Kahl: „Lob des Seiltänzers“, 1995. Zitiert nach Annita Kalpaka: „’Parallelgesellschaften‘ in der Bildungsarbeit – Möglichkeiten und Dilemmata pädagogischen Handelns in ‚geschützten‘ Räumen“, 2009.

Danke an Katharina Debus für das Weiterleiten des Zitats!


“When in a romance someone has sex and then says to the lover, ‘You make me feel safe,’ we understand that she means that there’s been an emotional compensation to neutralize how unsafe and close to the abject sex makes her feel. ‘You make me feel safe’ means that I can relax and have fun where I am also not safe, where I am too close to the ridiculous, the disgusting, the merely weird, or—simply too close to having a desire. But some situations are riskier than others, as the meanings of unsafe sex change according to who’s having the sex. That’s where the politics comes in.“

„Among the things to which sex refers is the prospect of an encounter with something much closer to the sublime than to the beautiful—which doesn’t, as most of us know to our sorrow, mean that sex is always sublime, nor that it can’t be conceptualized as beautiful, but rather that it trenches on an economy of danger where shifts of scale can at any moment reorganize value or empty it out, articulate new meanings or dislocate the subject of meaning altogether.“

„The adorable, which almost seems to have wrested this privilege from the beautiful, can domesticate the riskiness that inhabits sexual encounter (…) and so, as Lauren has put it, can work to “neutralize how unsafe and close to the abject” sex can be.“

Lauren Berlant & Lee Edelman: „Sex, or the Unbearable“, 2013


„Text der Lust: der befriedigt, erfüllt, Euphorie erzeugt; der von der Kultur herkommt, nicht mit ihr bricht, gebunden ist an eine behagliche Praxis der Lektüre.
Text der Wollust: der in den Zustand des Sichverlierens versetzt, der Unbehagen auslöst (vielleicht bis hin zu einem gewissen Überdruß), die historischen, kulturellen, psychologischen Grundfeste des Lesers, die Konsistenz seiner Vorlieben, seiner Werte und seiner Erinnerungen erschüttert, seine Beziehung zur Sprache in eine Krise stürzt.“

Roland Barthes: „Die Lust am Text“, 1973.


„to consent not to be a single being“

Fred Moten, Édouard Glissant zitierend, 2010


„In aller Ausdrücklichkeit hat aber vor allem Artaud das Prinzip der Ansteckung als Modell künstlerischer Mitteilung entworfen […]. Das Schauspiel überträgt sich auf den Betrachter wie eine ansteckende Krankheit. Diesseits von aktiver Rezeption soll es den Betrachter affizieren und von ihm Besitz ergreifen. Die nicht nur körperliche, sondern vor allem psychische Ansteckung, auf die Artaud sein Augenmerk richtet, wird vor allem ungeahnten Leidenschaften zum Durchbruch verhelfen. […] Artauds Entwurf unterscheidet sich dadurch deutlich von der klassischen Ästhetik, welche die Leidenschaften unter das Maß der kathartischen Läuterung gebracht hatte. Wenn nach der bekannten Formulierung von Aristoteles die Kunst durch Leidenschaftsdarstellungen im Betrachter »Jammern und Schaudem hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt«, dann bestimmt die traditionelle Ästhetik die Kunst zum Prinzip der Impfung, die einer tatsächlichen Ansteckung durch Leidenschaften vorzubeugen hat. Demgegenüber wird seit Artaud in der zeitgenössischen Kunst vielfach eine unkontrollierte Ansteckung intendiert, um den im Betrachter »schlummernden Konflikte[n]« zum Ausbruch zu verhelfen. Anstatt die durch leidenschaftliche Erregung bedrohte Integrität der Person wiederherzustellen, wird die »Ruhe der Sinne« aufgestört und mit dissoziierender Wirkung das »komprimierte Unbewußte« freigesetzt. Im Gegensatz zur kathartischen Reinigung oder Abfuhr der Leidenschaften, aber auch in Unterschied zum Ideal des rechten Ausgleichs der Affekte wird mit Ansteckung ein prekärer Zustand intendiert und das Entfachen einer »Krise« angestrebt. Anstelle von Mäßigung und Homöostase geht es um »Destabilisierung«, Verunsicherung und Befremdung. In dieser Funktion der Auslösung einer »Krise« ist der Begriff der Ansteckung – die Doppelgestalt von Ansteckung und Katharsis in der Geschichte der Ästhetik der Leidenschaften vorausgesetzt – der für die zeitgenössischen Künste gewichtigere Begriff.“

Kathrin Busch: „Ansteckung und Widerfahrnis. Für eine Ästhetik des Pathischen.“ in Kathrin Busch & Iris Därmann: „>pathos<. Konturen eines kulturwissenschaftlichen Grundbegriffs“, 2007.


„[C]ritical race pedagogy is inherently risky, uncomfortable, and fundamentally unsafe […] This does not equate with creating a hostile situation but to acknowledge that pedagogies that tackle racial power will be most uncomfortable for those who benefit from that power.“

„A subtle but fundamental violence is enacted in safe discourses on race, which must be challenged through a pedagogy of disruption, itself a form of violence but a humanizing, rather than repressive, version. […] We pedagogically reframe the racial predicament by promoting a ‘risk’ discourse about race, which does not assume safety but contradiction and tension.”

Zeus Leonardo & Ronald K. Porter: „Pedagogy of fear: toward a Fanonian theory of ‘safety’ in race dialogue“, 2010


My Safe Space“

South Park, 2015


„The Vampires’ Castle specialises in propagating guilt. It is driven by a priest’s desire to excommunicate and condemn, an academic-pedant’s desire to be the first to be seen to spot a mistake, and a hipster’s desire to be one of the in-crowd. The danger in attacking the Vampires’ Castle is that it can look as if […] one is also attacking the struggles against racism, sexism, heterosexism. But, far from being the only legitimate expression of such struggles, the Vampires’ Castle is best understood as a bourgeois-liberal perversion and appropriation of the energy of these movements […]: it pays lip service to ‘solidarity’ and ‘collectivity’, while always acting as if the individualist categories imposed by power really hold. Because they are petit-bourgeois to the core, the members of the Vampires’ Castle are intensely competitive, but this is repressed in the passive aggressive manner typical of the bourgeoisie. What holds them together is not solidarity, but mutual fear – the fear that they will be the next one to be outed, exposed, condemned. […]
The fourth law of the Vampires’ Castle is: essentialize. […] Since the desires animating the VC are in large part priests’ desires to excommunicate and condemn, there has to be a strong distinction between Good and Evil, with the latter essentialized. Notice the tactics. X has made a remark/ has behaved in a particular way – these remarks/ this behaviour might be construed as transphobic/ sexist etc. So far, OK. But it’s the next move which is the kicker. X then becomes defined as a transphobe/ sexist etc. Their whole identity becomes defined by one ill-judged remark or behavioural slip. […]
What has to be done?
[…] Capital subdued the organised working class by decomposing class consciousness, viciously subjugating trade unions while seducing ‘hard working families’ into identifying with their own narrowly defined interests instead of the interests of the wider class; but why would capital be concerned about a ‘left’ that replaces class politics with a moralising individualism, and that, far from building solidarity, spreads fear and insecurity? […] We need to learn, or re-learn, how to build comradeship and solidarity instead of doing capital’s work for it by condemning and abusing each other. This doesn’t mean, of course, that we must always agree – on the contrary, we must create conditions where disagreement can take place without fear of exclusion and excommunication.“

Mark Fisher: „Exiting the Vampire Castle“, 2013.

 


Foto: Banu Cennetoğlu BEINGSAFEISSCARY (2017) für die documenta14
(Ten aluminum letters borrowed from the Fridericianum in Kassel and six letters cast in brass after the existing ones Based on graffiti existing on a wall at the National Technical University of Athens as of April 6, 2017)

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