Jenseits von ’sexpositiv‘ und ’sexnegativ‘

Words of nuance, words of skill
And words of romance are a thrill
Words are stupid, words are fun
Words can put you on the run*

Wie stehst du zu „Sex-Positivität“? Also nur zum Begriff jetzt!

Als ich ihn zum ersten Mal hörte, bekam ich das nicht zusammen, dass ein so sinnlicher und schillernder Raum mit einem so kühlen und mathematischen Begriff gekennzeichnet wurde, dessen Klang mich an die Formulierung unerfreulicher ärztlicher Diagnosen erinnern ließ. Oder ich musste an die abwertend gemeinten Positivismusvorwürfe denken, die ich aus wissenschaftlichen Kontexten kenne, wenn die blinden Flecken aufgezeigt werden die damit einhergehen, wenn bei der Erarbeitung eines Themas sich nur auf das Ansammeln und Anhäufen von Fakten beschränkt, wo es doch auch einen Überschuss an Wissen gibt, welches nicht-positivierbar ist, sich nicht klar mit „ja“ oder „nein“ beantworten lässt oder nicht klar beantwortbar oder wiederlegbar ist.

Bei diesen ersten Assoziationen zu ‚Positivität‘ ist der Begriff erstmal nicht wertend, sondern bezeichnet nur ein faktisches „etwas ist da“ „etwas ist über Null“. Freilich möchte ‚Sexpositivität‘ aber nicht nur betonen, dass da einfach Sex auch vor Ort stattfindet, sondern ist auch wertend gemeint, dass die Positivität sich auf eine bejahende, gastfreundschaftliche Einstellung bezieht: dass alle sexuellen Orientierungen willkommen sind, Sexualität ein wichtiger und schöner Teil des Lebens ist, dass ein offener und schamfreier Umgang eine Bereicherung und Befreiung bedeutet (wobei sexpositive Räume auch schampositive Räume sein und gastfreundschaftlich mit Scham umgehen sollten).

Das finde ich alles auch. Gleichzeitig bin ich skeptisch. Weil das überwuchernde Aufploppen von „sexpositiv“ „sexpositiv“ „sexpositiv“ bei mir irgendwann eine Art Immunsystem hochfahren lässt und sich Stress und Genervtsein einstellt. Weil es sich so eingliedert in den sonstigen belästigenden Positivitätsterror von Smileys und Likes und Happy happy und „Just do it!“. Weil das Übermaß an jedem positiv Vorhandenem irgendwann übersättigt und sich die Sehnsucht nach Pause einstellt (oder ein Burnout sie erzwingt). Weil es Druck aufbaut, dass Sex dann auch gefälligst zu sein und stattzufinden habe – was sich schon etwas auffangen ließe, wenn sich das „A“ mehr in die Bezeichnungen einschmuggeln würde, a la: „… wir sind (A-)Sexualität positiv gegenübergestellt“ oder „Wir sind ein a-/sexuell-freundlicher Ort“.
Vor allem aber frage ich mich, ob Sex (auch und vielleicht gerade auf sexpositiven Events) denn überhaupt immer positiv ist oder nicht auch ganz viel mit negativ Konnotiertem — wie Verdrängung und Bestätigungssuche — zu tun hat? Wer bestimmt, was positiv ist? Woher wissen wir, dass etwas positiv sei? Der Begriff tut dann so, als könnte man das so gut beschreiben. Mir fällt das gar nicht leicht in Worte zu fassen, was da in diesen Räumen passiert; nicht nur, weil das etwas anderes ist als Positives im Sinne von „etwas Nettes“, sondern eh sich einfachen Beschreibungen entzieht, wenn es da um etwas Rohes und Unvorhersehbares geht. Das macht diese Räume ja so kraftvoll. Oder werden sie durch im Vorhinein bestimmte Zuschreibung „Was da passiert ist positiv“ bereits kraftlos?
Ist es erlaubt etwas zu tun oder zu wollen, was nicht gleich als etwas Positives/etwas Gutes verwertbar ist?
Will ‚Sexpositivität‘ alle Praktizierenden vor allem rasch auf eine sichere Seite bringen und vor kritischen Blicken abschirmen und erregte Gemüter beruhigen: „Keine Sorge! Das wirkt auf den ersten Blick zwar schlüpfrig und obszön, aber das ist alles ganz positiv!“?

„But now you begin to see the problem with desire: we rarely want the things we should.“ (Andrea Long Chu)

Und inwiefern bewegt sich Sex nicht eh jenseits von binären positiv/negativ-Einordnungen? Irgendwas macht mich an – keine Ahnung ob das positiv ist! Vielleicht ist es das, um ehrlich zu sein, nicht! Aber genau deswegen macht es mich an! Also inwiefern zähmt der Begriff ‚Sexpositiv‘ den Sex? So dass uns droht, dass am Ende vor allem der Sex aus diesen sexpositiven Räumen verschwindet. Ist das Sexpositive also am Ende gar das Sexnegative?
Inwiefern ist das Sexnegative auch förderlich für das Sexpositive?

„O du traurige, viereckige alkoholfreie moderne Zeit, du schnödes Zeitalter der Fliegerei und Weltreisen, du siehst es jetzt, wie sehr unter dir die abenteuerlechzenden Liebespaare zu leiden haben. Oskar und Emma’s Liebe starb allmählich dahin, und weshalb? Ja, aus Mangel an Gefahr. (…) Wo Tätigkeiten so ohne weiteres und ganz blind gestattet sind, werden sie bald langweilig und erlahmen endlich. Das ist der entsetzliche Witz der Zeit (…) wo alles so schuftig erlaubt ist. (…) Oskar und Emma wollten eine Novelle machen, aber sie geriet nicht, sie brach auseinander. (…) Gefahr ist ja die Ader, und das Hindernis ist ja das Leben einer Novelle. Und Hindernisse gibt es nicht mehr in dieser charakterlosen, unstolzen Welt, die keines edlen Vorurteiles fähig ist. (…) Oskar und Emma wussten das, und es bemächtiget sich ihrer jungen Herzen eine unsagbare Beklemmnis. Ihre Eltern waren vorurteilsfreie Menschen, o Jammer.“
(Robert Walser, 1913).

Dann wirkt die programmatische Verkündung von Sexpositivität manchmal vor allem wie Selbstlegitimierung, die nur von der Annahme leben kann, dass Sexpositivität so wichtig und dringlich sei, weil um die Sexpositivität herum vor allem böse Sexnegativität herrsche. Argumentativ beschwört der Begriff immer wieder umfassende Repressionszusammenhänge, wobei ich mich frage, ob diese gesellschaftliche Zwangsjacke denn tatsächlich so einschnürend sei wie diagnostiziert? Nicht, dass es nicht (immer noch) Unterdrückung und Missinformation gäbe, ganz klar! Aber wer und was genau ist der Feind, wenn manchmal so luftleer die Flagge der Sexpositivität gehisst wird?** Was genau die Missstände, die wie genau angefochten werden (müssen)? Inwiefern wirkt der Begriff dann verkürzend was eine genaue Zustandsbeschreibung angeht? Und inwiefern ist er manipulativ, weil mit ‚Sexpositivität‘ auch immer ein Erlösungsversprechen geradezu religiös mitschwingt – und damit die Bedingung, dass der Rest immer schön als sexnegativ behauptet und damit aufrechterhalten werden muss, weil man sonst ja die eigene Power als das Andere/das Widerständige verliert (-> Gefahr der self-fulfilling prophecy, bei der man gar nicht mehr sieht, was tatsächlich so abgeht und ob die Angeklagten es nicht schon längst besser machen). Was voll passt wenn so viele Vorreiter*innen dieser Bewegung sich als Gurus und „Priestesses“ inszenieren.

Auch ist diese kritisch-programmatische Zielvorgabe, dass wir endlich sexpositiver werden müssen, uralt! Kommen wir sprachlich nach dem (teilweise grandios gescheitertem) Befreiungsprojekt der 68er und den Schriften Wilhelm Reichs nicht weiter und müssen die immer gleichen Wörter wiederkäuen und dabei so tun als handle es sich um eine brandneue Revolution?

Letztlich lässt sich manches mal beim Bewerben mit Sexpositivität das Schulterklopfen raushören: „Wir sind die Sexpositiven in einer sexnegativen Welt. Wir sind die, mit dem besseren Sex. Die anderen sind Idioten.“ Welche prestigeträchtige Klasse der Sexpositiven entsteht da? Welcher Habitus herrscht in den Räumen und welche Vertreter*innen welcher sozialer Milieus sind in ihnen vertreten? Wer ist auffällig abwesend?
Wobei ich es eigentlich sympathisch fände, wenn man sich so geradeheraus tatsächlich als Sex-Elite definieren würde.

Nungut, aber es braucht ja Begriffe und die müssen irgendwie knackig sein. Was wäre noch möglich? ‚(A-)Sexfreundlich‘ mag ich, weil das ganze Klinische des ‚Positiven‘ erstmal wegfällt und stattdessen das Wohlgesinnte betont wird — auch dem Gegenüber, was nicht nur positiv bewertbar/sagbar sein muss. Dann gibt es aber noch das Problem mit dem Wörtchen ‚Sex‘, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Es geht in den Räumen ja nicht nur um Sex, oder? Also, was versteht sich unter ‚Sex‘? Es ist ein umkämpftes Wort, das gerne ersetzt wird durch den eher auf Selbstzweck ausgelegten Begriff ‚Erotik‘ oder einfach ‚Intimität‘, um es von der Festschreibung auf Reproduktion und Penetration wegzubringen. Aber ‚erotikpositive Räume‘ trägt etwas zu schwülstig-schwitziges, wie ein 80er-Jahre-Musikvideo.
‚Intimacy-welcoming spaces‘?
‚Menschenrechträume‘?
(→ „Ein Leben kommender Menschen, das diesen Namen verdient, hängt […] daran, dass die Präambeln der Menschenrechtsverordnungen ( und das zugehörige Verhalten ) sich abkoppeln von Luftblasen-Formeln wie »Würde« und »Respekt« und dem schrecklichen Adjektiv »unantastbar« – wo doch permanent und ohne jede Rücksicht »angetastet« wird. Wäre es nicht schöner, etwas tatsächlich Existierendes an ihre Stelle zu setzen, nämlich »die Haut«, eine wirkliche Grenze. »Menschenrecht« solle sein das Recht auf Unversehrtheit der Haut gegenüber unerwünschten Eingriffen. Haut, die aber berührbar ist, wo gewünscht, gegenseitig.“ Klaus Theweleit)
‚Taboo-tackling-movement‘?
‚Sexundogmatische Räume‘?

¯\_(ツ)_/¯


Vielleicht ist das eine Frage für unseren Workshop „Trial & Eros“ vom 14.-16. Februar in Berlin, weil es ums Navigieren durch sexfreundliche Spaces geht und alle Fragen, die mitgebracht werden.


*

** »I do think as feminists we’re fighting for too many things right now. Like, there’s some feminists that are like, “We wanna be in charge of stuff and we wanna get paid the same.” And then there’s other feminists that are like, “We wanna free the nipple on Instagram.” It’s like, “Hey, can we focus? I know she’s more fun, but can we focus?” It’s like if during the Revolutionary War, if some soldiers were like, “We wanna be independent!” and then other soldiers were like, “We wanna free the nipple on Instagram!” You’d be like, “Yeah, maybe England should stay in charge of you. You sound like you’d be fairly irresponsible.”
Also just logically, we focus our attention and power on one thing. We’re much more likely to get it accomplished. So, personally, I think we should go after equal pay. But if all the women voted, and we got on the same page, and we wanted to go after nipple, fine, I’ll fight nipple, I’m a team player. It’s just hard for me to even believe that that was a woman’s idea. Sounds like a man infiltrated a meeting and he was like, “We gotta get these nipples on Instagram! Did you hear we can’t? It’s not fair… for the women. You know me, my main concern is the women.” [exhales] “It’s why I call ’em ‘the women.’” And the whole debate is men are allowed to have their nipples on Instagram; women aren’t. Well, here’s an easier solution. Just get male nipples off of Instagram. I’ve never seen a man’s nipple and been like, “Oh, now my day’s better. Boy, do I love looking at those useless skin tags.”
We gotta focus! We gotta focus on what we’re fighting for.« (Michelle Wolf)


Foto: Hannes Wiedemann


 

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