Sex /vs./&/?/ Gewalt. Versuch einer begrifflichen Eingrenzung anhand von Abgrenzung

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Triggerwarnung: Im folgenden Beitrag wird die Bezeichnung „sexuelle/sexualisierte Gewalt“ diskutiert, ohne jedoch drastische Details von Gewaltakten zu beschreiben.

„What is sex?“ fragten wir in einer Gesprächsrunde während der Xplore. Anna Natt und Matís luden ein, diese unmögliche Frage genauer zu unterteilen: „How do you use the word sex?“, „How do you do sex?“ und „How do you know you had sex?“

Ein Teilnehmer erklärt, dass er diesen Diskussionskreis besucht, weil er es für eine gute Idee hält auf einem sexpositiven Event zu hören, was denn „Sex“ hier für die Teilnehmenden bedeutet. Community = shared language. Macht Sinn. Nur wird nach der ersten Runde klar, dass „Sex“ für alle etwas anderes heißt. Und doch wäre es zu einfach stehen zu bleiben bei Privatsprache und pseudoerleuchtetem „Jede*r sieht das anders, alle haben Recht, keiner hat Recht. Namaste.“ Wir können doch bestimmt gute Argumente für gemeinsame Nenner finden, um uns auf überzeugende Begriffseinschränkungen zu einigen.

Die Antworten auf die Fragen variieren zwischen den Hinweisen auf bestimmte Gefühle/Affekte (Passion), Objekte (Matratze), Körperteile und -praktiken (PiV), Qualitäten (Rohheit). Anna teilt den grandiosen Einfall, aus solchen Parametern eine Liste herzustellen, um nach einem Date einfach anzukreuzen, was man so getrieben hat, damit ein mathematischer Graph und komplexer Algorithmus daraus die Wahrheit errechnet, ob man denn nun Sex hatte.

Weiter nähern wir uns dem Versuch der genaueren Eingrenzung als wir diskutierten, ob Vergewaltigung denn auch Sex sei. Lässt sich überhaupt von „sexueller Gewalt“ sprechen – oder sollte „Sex“ nicht im Sinne eines ethischen Projekts reserviert werden für Praktiken, die mit Gewalt eben nichts zu tun haben. Dann wäre „Sexuelle Gewalt“ ein Widerspruch, ein Oxymoron. Vergleichbar mit „Kinderpornographie“, wenn man „Pornographie“ eingrenzt auf etwas, das vor allem ein auf Einvernehmlichkeit beruhendes Berufsfeld umfasst, welches dementsprechend schutzbedürftige Kindheit ausschließen muss. Sonst verwischt der Begriff, worum es da eigentlich geht (Gewalt!) und was Pornographie eigentlich ist (ein Beruf!). So wie Vergewaltigung Gewalt ist, nicht Sex.
Bei diesem Definitionsversuch steigt die Spannung im Raum. Was unterscheidet dann das gewaltsame Spiel beim kinky inszenierten Rape Play von erzwungenen Überwältigungen? Ist es bloß das Einverständnis, das Sex von Gewalt unterscheidet? Was ist dann aber mit dem Rest an unfreiwilligen Schmerzen oder unbewussten überwältigenden Anteilen, die sich selbst bei best-practice-consent einschmuggeln? Ist Sex vielleicht doch immer untrennbar mit Gewalt verwoben? Man denke allein an den Akt: das Eindringen, Verführen, Erobern, Flachlegen, Treiben? Oder man denke an die strukturellen Gewaltverhältnisse, die sich auf den Sex abfärben: gegenderte Abhänigkeitsverhältnisse zum Beispiel.
Vielleicht ist der Knackpunkt, der Sex von Gewalt unterscheidet, die Intention: weil Gewalt den Anderen annihilieren, auslöschen möchte, während sich Sex auf den Anderen bezieht, ihn ergo nicht zerstören darf? Ein solches Verständnis würde Sex als ein Verhältnis stark machen, das auf dem Wissen um die Unvollständigkeit der jeweils Beteiligten beruht; auf dem Andersseindürfen, Abgrenzen, Unterscheiden. Das wäre dann alles überhaupt erst die Bedingung für die Vereinigung mit dem Anderen. Eben weil man nicht omnipotent, sondern unvollständig ist, kann man sich dank des Anderen durch das sexuelle Verhältnis rituell kurzzeitig „vervollständigen“, um sich dann wieder zu trennen, auf Distanz gehen — wiederum als Bedingung für Nähe. ((Zwischenfrage: Wäre dann aber Selbstbefrieidgung kein Sex?))
Gewalt würde da ins Spiel kommen, wo die eigene Unvollständigkeit verleugnet wird; wo der Andere gewaltsam vereinnahmt und damit als Andere*r vernichtet werden muss. Vielleicht auch aus Angst, selber vereinnahmt zu werden, weil das Gefühl für die eigenen Grenzen und Distanzen zu anderen fehlt, weswegen Nähe und Körperlichkeit bedrohlich werden und kontrolliert werden müssen.

Ich notiere mir, an der Frage wie an einer Spur weiter dran zu bleiben. Schreibe den Hinweis eines Mitdiskutanten auf, zwischen „Sex“ und „sexuell“ zu unterscheiden und ergänze um „sexualisiert“. Einverstanden bin ich, von „sexualisierter Gewalt“ zu sprechen, da es beschreibt, dass die Sphäre des Sexes in den Gewaltakt geholt, angeeignet, nachgeahmt wird. Frage mich aber, ob ich diesen Begriff wiederum nur reservieren würde für Missbrauchsfälle, Nötigungen und (auch verbale) Übergriffe und es nicht anwenden würde für den umgekehrten Fall: das Einspeisen von Gewalt in den Sex. Wie nennt man dann aber das Spiel mit Gewalt im BDSM? Ist das dann überhaupt Gewalt oder ist es da zu gezähmt um Gewaltgewalt zu sein? Und gäbe es einen Unterschied, wenn nicht nur Gewalt inszeniert wird ( wenn z. B. nur so getan wird, als würde man seine*n Spielpartner*in entführen, aber natürlich bleiben sie im Grunde frei und selbstbestimmt) sondern wirklich „statt Ketchup Blut fließt“, wie Marina Abramovic immer ihre Performances von Theater abgrenzt? Und weitere Frage: Kann nur kinky mit Machtdynamiken gespielt werden oder wie sähe demgegenüber „Equality Play“ aus?

Als in der Gruppe der Wunsch laut wird, das Gespräch doch wieder zurück zu den eigenen Erfahrungen zu lenken und mehr auf: „How do you do sex?“ einzugehen, ist die Zeit leider schon vorbei. Doch die Experimente gingen weiter, unter anderem in unserem Kurs „Explicit Patterns“ der erforschte, welche ganz typischen Muster, Gesten, signature moves beim Sex immer wieder ausgeführt werden — und zu fragen, woher die jeweils kommen, warum wir sie einsetzen und was sie uns erzählen. Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.


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English translation

Sex vs./&/?/ violence. Attempt of a conceptual definition through demarcation

Trigger warning: In the following article the term „sexual/sexualized violence“ is discussed, but without describing drastic details of acts of violence.

„What is sex?“ was the question asked in a round table discussion during Xplore. Anna Natt and Matís invited us to divide this impossible question more precisely into: „How do you use the word sex?“, „How do you do sex?“ and „How do you know you had sex?

One participant explained that he was attending this discussion session because he thought it would be a good idea to hear at a sex-positive event what „sex“ meant for the participants here. Community = shared language. Makes sense. The only thing is that it became clear after the first round that „sex“ means something different for each person. And yet it would be too easy to stop at private language and pseudo-enlightened „Everybody sees it differently, everybody is right, nobody is right. Namaste.“ Surely we can find good arguments for common denominators to agree on convincing definitions.

The answers to the given questions varied between references to certain feelings/affects (passion), objects (mattress), body parts and practices (PiV), qualities (rawness). Anna shared the grandiose idea of making a list from such parameters to simply tick off what you did after a date, so that a mathematical graph and complex algorithm can finally calculate the truth from it: whether you had sex or not.

Further on we approached the attempt of a more precise description as we discussed whether rape is also sex. Can we even speak of „sexual violence“ – or should „sex“ not be reserved in the sense of an ethical project for practices that have nothing to do with violence? Then „sexual violence“ would be a contradiction, an oxymoron. Comparable to „child pornography“, if one limits „pornography“ to something that primarily comprises a professional field based on consensual agreement, which accordingly must exclude childhood in need of protection. Otherwise the term will blur what it is actually about (violence!) and what pornography actually is (a profession!). Just as rape equals violence, not sex.
With this attempt of a definition the tension in the room increases. What then distinguishes the playful use of force in e.g. kinky rape play from really forced overpowering? Is it only consent that distinguishes sex from violence? But then what about the rest of the involuntary pain or unconscious overwhelming parts that smuggle themselves even into best-practice-consent? Is sex perhaps always inseparably interwoven with violence? Just think of the act alone: the intrusion, penetration, conquest, banging, bumping? Or think of the structural relationships of violence that have an effect on how we do sex: e.g. gendered states of dependence.
Perhaps the crux that distinguishes sex from violence is the intention: because violence wants to annihilate, destroy, extinguish the other, whereas sex refers to the other and therefore it mustn’t destroy him/her/them? Such an understanding would powerfully characterize sex as a relationship that is based on the knowledge of the incompleteness of the respective participants; on being allowed to be different, distinct. This would then be the very condition for union with the other. Precisely because one is not omnipotent, but incomplete, one can, thanks to the other, ritually „complete“ oneself for a short time through the sexual relationship, only to separate again, to distance oneself – again as a condition for closeness. ((Intermediate question: But would self-pleasuring not be sex then?))
Violence would come into play where one’s own incompleteness is denied; where the other is violently appropriated and thus has to be destroyed as an Other. Maybe also out of fear of being appropriated, because the feeling for one’s own limits and distances to others is missing, which is why closeness and physicality become threatening and have to be controlled.

I make a note to stay with the question, like following a lead. I also write down the advice of a co-discussant to differentiate between „sex“ and „sexual“ and add „sexualized“. I agree to speak of „sexualized violence“ because it describes that the sphere of sex is brought into the act of violence, appropriated, imitated. But I wonder whether I would again only reserve this term for cases of abuse, coercion and assault and not use it for the opposite case: the injection of violence into sex. But then what do you call the game with violence in BDSM? Is it violence at all or is it too tamed to be violence? And would there be a difference if violence is not only performed (e.g. if one only pretends to kidnap one’s play partners, but of course they remain basically free and self-determined) but really „blood flows instead of ketchup“, as Marina Abramovic always delimits her performances from theater? And another question: Can you only play kinky with power dynamics or what would „equality play“ look like in comparison?

Unfortunately, the minute the wish was expressed in the group to steer the conversation back to our own experiences and to focus more on „How do you do sex“ instead of going into abstract realms, the time was over. But the experiments continued, among other things in our course „Explicit Patterns“, which explored what kind of typical habits, gestures, signature moves are performed during sex — and to ask where they come from, why we use them and what they tell us. More about this in the next blog post.


Picture: E. Muybridge „Animal locomotion“, 1887, Wellcome Collection gallery (2018-03-29): https://wellcomecollection.org/works/pnv9dqxg CC-BY-4.0 Photo number: L0018594

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